Eine grosse Leidenschaft für historische Bauten zeichnet die Architektin Theres Projer aus. Damit ist sie in Filisur, wo sie seit Jahrzehnten lebt, genau am richtigen Ort. Allein schon die Malereien an den Mauern der Häuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert im nur noch 400 Seelen zählenden Strassendorf im Engadiner Baustil begeistern die Filisurerin. Nicht umsonst sei Filisur im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung aufgenommen worden. Theres Projer sagt mit Nachdruck: «Die Geschichte des Ortes soll in Erinnerung bleiben und mit neuem Leben gefüllt werden.» Dabei zeigt sie auch auf die Sgraffiti an den Hausfronten, die mit der angewandten Kratz- und Ritztechnik zum Kulturerbe dieser Region gehören. Drinnen, in einem ihrer Häuser, verweist Theres Projer auf die althergebrachte, aufwendige Holzverarbeitung, oft mit Lärchen- oder Arvenholz. In den Patrizierhäusern findet man auch alte Möbel aus edlem Nussbaumholz. Gross ist die Bewunderung von Theres Projer weiter für alte Holztüren, Schränke und kunstvolle Intarsien etwa in der Stüva, romanisch für die Stube. Ihre Begeisterung für das kunstvolle Handwerk wirkt richtig ansteckend.
Von Alvaschein nach Filisur
Aufgewachsen ist Theres Projer in Alvaschein, in der heutigen Gemeinde Albula/Alvra, in einer Handwerkerfamilie. Ihr Vater führte im Ort eine Schreinerei-Zimmerei. Ihre Mutter führte ein kleines Hotel. Nach ihrer Ausbildung unterstützte die junge Frau zuerst ihre Eltern im Betrieb. Später machte sie sich selbstständig. Sie wollte in ihrem eigenen Architekturbüro in Filisur zusammen mit einem Team ihre Vorliebe, alte Häuser zu restaurieren, umsetzen. Das ist ihr gelungen. Tradition und Moderne verbindet sie mit ihrer gestalterischen Handschrift: Historische Elemente bleiben sichtbar und prägen den Charakter eines Gebäudes weiterhin. Immer ist es das Ziel der einheimischen Architektin, wertvolle Bausubstanz zu erhalten und einem Gebäude mit einer gelungenen Renovation neues Leben einzuhauchen. Drinnen in den Häusern setzt sie mit ausgewählten Materialien und verschiedenen Stilmitteln zeitgemässe Akzente. Besonders wichtig ist ihr dabei die Atmosphäre: Wohnräume sollen grosszügig wirken, gleichzeitig aber Geborgenheit vermitteln. Es sollen Orte sein, an denen Menschen zur Ruhe kommen, wo sie gerne sind und wo sie neue Energie tanken können. Theres Projer sagt: «Wichtig sind für mich Räume mit Charakter, die Geschichte und Gegenwart harmonisch miteinander verbinden.»
Vision für «Il Nido»
Die architektonische Philosophie von Theres Projer beschränkt sich aber nicht nur auf Wohnhäuser. Schon länger trug die Architektin die Vision mit sich, einen alten Stall im Dorfkern von Filisur vor dem Verfall zu bewahren und ihn einer neuen Nutzung zuzuführen. Wo einst Tiere untergebracht waren, sollte ein Ort der Begegnung entstehen – modern, einladend und dennoch fest in der lokalen Baukultur verwurzelt. Die Umsetzung der Idee war aber nicht so einfach. Ursprünglich war geplant, dass der grosszügig geplante Raum ein Probelokal für die örtliche Blasmusik werden sollte. Bei der einjährigen Renovation wurde daher besonders auf eine gute Akustik geachtet. Die Zusammenarbeit mit der Musik kam dann aber doch nicht zustande. Darum stellte Theres Projer ihre Idee um und plante aus dem neu designten Raum ein Restaurant. «Il Nido» – das Nest – sollte es heissen, dies gemäss der erhalten gebliebenen Mauer, in der in einer Vertiefung einst Vögel nisteten. Mit dem neuen Konzept musste ein kleines Office mit einem Anbau einer professionellen Küche ergänzt werden. Schliesslich gelang es Theres Projer mit viel Engagement und Fingerspitzengefühl, ein Restaurant zu eröffnen, das durch seine Geschichte einen besonderen Charme ausstrahlt.
Essen, trinken und sich wohlfühlen
Bereits im Jahr 2019 ist «Il Nido» zu einem Restaurant geworden, das in den ersten Jahren aber nur in der Wintersaison geöffnet hatte. Die Küche ist empfehlenswert. Gekocht wird stets frisch und mit regionalen Zutaten. Es gibt jeden Tag ein Tagesmenü und ein kleines Angebot à la carte. Zu den traditionellen «Il Nido»-Klassikern gehört die Heusuppe, serviert mit Bündnerfleisch, das Rindsfilet, das Entrecôte Café de Paris sowie ein Cordon bleu, serviert mit Risotto oder Pommes frites und Gemüsebeilage. Auch vegetarische Gerichte sind im Angebot. Bei den Weinen gibt es eine gute Auswahl an Veltlinern sowie das übliche Angebot an Getränken. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist fair. Nicht nur im grosszügigen Innenraum fühlen sich die Gäste wohl, lauschig ist auch die kleine, aber feine Dachterrasse, die bei gutem Wetter zum Essen, Trinken und Geniessen einlädt. Ins «Il Nido» kommen nicht nur Leute vom Dorf, sondern auch Gäste von auswärts. Das Lokal wird gerne für Taufen, Hochzeiten und Firmenanlässe gebucht.
Gemeinsames Schaffen
Theres Projer, die Besitzerin des «Il Nido», könnte den Betrieb nicht alleine stemmen. Sie ist froh um ihr kleines Team, das den Betrieb täglich am Laufen hält. Gekocht hat in den vergangenen Jahren Bernhard, genannt «Beni» Grob, der im renommierten «Kulm Hotel St. Moritz» Küchenchef war. Er ist nun aber im Ruhestand. Neu zum dreiköpfigen Team gestossen ist darum Koch Ralph Lüther, gebürtig aus Kassel. Er arbeitete während vieler Jahre in einem Spitzenrestaurant in Saas Fee. Er hat sich im Frühling aber für Theres Projers «Il Nido» entschieden und kocht nun seit Anfang Juni in Filisur. Lüthers Leidenschaft fürs Kochen spiegelt sich auch in seinen feinen und kreativen Gerichten. Für den Service ist Joana Bucurescu, ursprünglich aus Rumänien, zuständig. Auch sie ist flink, freundlich und zuvorkommend. Was vom «Il Nido» in Erinnerung bleibt: Der zum aparten Restaurant umgestaltete alte Stall imponiert. Er ist zu neuem Leben erwacht. Und die Lebensgeister erwachen auch beim Genuss der Gerichte in der besonderen Gaststätte. Zudem tut das herzliche Team das Seinige dazu, dass es den Gästen gefällt, und dass es ihnen schmeckt.
Viviane Schwizer, pöschtli, 2. Juli 2026